Assassin's Creed Syndicate Review (PS4)

Irgendwie bekommt man bei Ubisoft ja mehr und mehr den Eindruck, dass sie irgendwo ganz geheim einen Flux-Kompensator versteckt haben, so oft, wie sie die Zocker auf Zeitreise schicken. Diesmal geht’s mit Assassin's Creed Syndicate ins London des neunzehnten Jahrhunderts, wo wir unter anderem einen zünftigen Bandenkrieg anzetteln dürfen. Wie sich die Abenteuer der Frye-Zwillinge spielspasstechnisch schlagen, das klären wir jetzt für euch in unserer Review.

Bevor wir uns dem viktorianischen Zeitalter widmen, vielleicht erst ein paar Worte zur Gegenwart, einfach weil's schneller geht, angesichts der ungefähr acht Minuten, die die gerenderten Sequenzen dauern; insgesamt wohlgemerkt! Zwar wird diesmal versucht, ein bisschen Dramatik reinzubringen und sogar so etwas ähnliches wie die Mini-Version eines Cliffhangers gibt es, aber insgesamt ist es halt einfach so wenig, dass man den heutigen Teil der Story komplett vernachlässigen kann. Räkeln wir uns also lieber gemütlich auf dem Animus und schauen, in wessen genetische Stiefel uns die Entwickler diesmal versetzen.

Gestatten? Jacob und Evie Frye, im Gegensatz zu Babs und Buster Bunny ganz sicher verwandt. Die beiden wollen in London einerseits den Templern und ihrer lokalen Ganoventruppe, den Blighters, Feuer unterm Hintern machen und andererseits dem Gerücht um einen Edensplitter nachgehen, den es hier geben soll. Dabei haben die beiden durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon, auf welchem Weg sie diese Ziele erreichen wollen. Während Evie die Sache diplomatisch angeht und sich auch eher auf ihre Schleichfähigkeiten verlässt, nimmt Jacob lieber den direkteren Weg und gründet dazu auch gleich eine Gang, um die Blighters zu vertreiben.

Assassin's Creed Syndicate

Die Story ist nicht unbedingt die anspruchsvollste, aber das Writing ist ziemlich brauchbar, vor allem wie sich die Zwillinge immer mal wieder gegenseitig Sprüche geben kommt gut rüber. Die meisten Charaktere sind Serien-typisch um einiges überzeichnet, aber das hat ja auch seinen eigenen Charme, besonders wenn es um historisch bekannte Namen wie zum Beispiel Charles Darwin geht. Unter den Bösewichten ist es den Schreibern allerdings ein wenig heftig durchgegangen, vor allem Maxwell Roth und Oberfiesling Crawford Starrick, sind sowas von eindimensional böse, das geht auf keine Kuhhaut.

Was die Struktur angeht, haben wir es mit der klassischen Ubisoft-Openworld-Formel zu tun, will heissen: Viele verschiedene Aktivitäten und Sammelsachen, die großzügig auf der Map verstreut wurden. Das fängt schonmal mit den Story-Missionen an, die zum grössten Teil Aufgabentechnisch was her machen und auch verschiedene Herangehensweisen ermöglichen. Nur ganz selten kommt es vor, dass man in seiner Freiheit eingeschränkt wird. Daneben gibt es noch die sogenannten 'Londoner Geschichten', kleinere Missionen, die man von geschichtlich bedeutsamen Leuten bekommt.

Aber damit hat es sich natürlich lange noch nicht, es gibt noch Nebenaktivitäten in Hülle und Fülle, darunter diverse Aufgaben, mit denen man nach und nach die Kontrolle in London's Vierteln erobert. Da gibt es Templer- und Kopfgeldjagden, bei letzteren muss man sein Ziel anschliessend noch beim Polizeikontakt des Vertrauens, Sargeant Abberline, abliefern; bevorzugterweise natürlich unversehrt. Ausserdem kann man noch Gang-Verstecke ausheben, indem man den ansässigen Blighters auf die Nase gibt, und dann gibt es da noch Kinderarbeiter, die befreit werden wollen. Jedes mal, wenn ihr eine dieser Aufgaben schafft, wird das entsprechende Stückchen der Karte von seiner roten Farbe befreit und ist damit unter eurer Kontrolle. Wer ein ganzes Viertel befreit, darf sich dann noch eine Strassenschlägerei mit dem verfeindeten Boss der Nachbarschaft samt einiger Anhänger bestreiten, um eindeutig klar zu machen, wer von nun an das Sagen hat.

Daneben warten noch kleine On-The-Fly-Aufgaben auf euch. Frachtdiebstähle und -eskorten, Kutschen-Rennen, verschiedene Faustkampf-Arenen und kleine random Events, bei denen man, sofern man möchte, einen Dieb fangen oder einige Rowdies vermöbeln kann. Und natürlich nicht zu vergessen: Der Sammelkram! Kisten in normaler und verschlossener Ausführung, Helix-Glitches, Bierflaschen (!), Notizen, gepresste Blumen, Assassin's Creed Syndicate ist wirklich ein Fest für Komplettomanen. Die Story an sich liegt längentechnisch so um die zwölf Stunden, wer allerdings alles sammeln möchte, ist bestimmt dreimal so lange dabei.

Assassin's Creed Syndicate

Die Gameplay-Neuerungen halten sich in Grenzen, am erwähnenswertesten ist wohl der Greifhaken, dank dem man endlich über etwas breitere Strassen kommt, ohne runter- und auf der anderen Seite wieder raufzuklettern. Obendrein leistet er noch willkommen Beihilfe zur Flucht, sollte man mal eine Übermacht aufgeschreckt haben. Allerdings macht er das Erklimmen der Aussichtspunkte etwas zu leicht, und man kann ihn auch nicht wirklich überall einsetzen, wo man es vermuten würde.

Daneben wären noch die Kutschen zu nennen, die viktorianisches GTA-Feeling rüberbringen, vor allem wenn man sieht, wie die Zwillinge teils arglose Passanten von ihren Sitzbänken ziehen. Um sich dann gegen die Kutschen der Blighters oder auch der Polizei durchzusetzen, kann man sogar Ramm-Manöver ausführen. Was vollkommen unrealistisch, aber lustig ist, nicht zuletzt weil dann immer ordentlich was zu Bruch geht. Insgesamt kommen die 1 bis 2 PS-Wunder der Abwechslung zugute, weshalb man sie auch in vielen Missionen findet.

Assassin's Creed Syndicate

Ansonsten bietet Syndicate das bekannte und grösstenteils bewährte Assassin's-Creed Gameplay: Das Klettern kommt gut wie immer, auch wenn bei der traditionell überladenen Steuerung manchmal andere Dinge passieren, als man ursprünglich geplant hat. Das passiert nicht allzu oft, sorgt dann aber meist für einen kleinen Frustmoment.

Das Kampfsystem ist ebenfalls bekannte Assassinen-Kost: Angriffstaste bearbeiten, bei blockenden Gegnern die zweite Attacke auspacken und gelbes Leuchten ist das Signal zum Kontern. Ein wenig aufgewertet wird das ganze durch den Einsatz diverser Gegenstände wie der Pistole, Wurfmessern und anderer Gadgets. Jeder Fiesling wird einem besonders wuchtig wirkendem Angriff endgültig verunschädlicht, was sich im späteren Spiel sogar mit mehreren Gegnern gleichzeitig anstellen lässt und dann spektakulär inszeniert ist. Der Vergleich der Kämpfe mit den Batman-Spielen drängt sich ein wenig auf, weil die Ähnlichkeiten echt frappierend sind.

Assassin's Creed Syndicate

Wer es lieber schleicherisch mag, kann mit ein wenig Geduld und Übersicht sowie ausgiebiger Benutzung des „Assassinen-Wallhacks“ taktisch die Gegnerschaft dezimieren oder direkt versuchen, rein und raus zu kommen, ohne überhaupt bemerkt zu werden. Vorteil der geduldigen Herangehensweise: Man erspart sich das Risko, eventuell unerwartet einer Übermacht gegenüber zu stehen. Denn auch, wenn der Weg der offenen Aggressivität meistens möglich ist, ab etwa 5 Leuten wird es dann doch ein bisschen schwierig, sich zur Wehr zu setzen.

Wobei auch grosse Kloppereien durchaus Spass machen können, nämlich dann, wenn man seine eigenen Freunde aus der Gang mitbringt, von denen man bis zu fünf Stück auf der Strasse rekrutieren kann. Daneben bietet das durch einen selbst organisierte Verbrechen den Vorteil, dass die Kinder auf der Strasse das Resultat ihrer Taschendiebstähle euch zukommen lassen, und wer Ressourcen einsetzt, um seine Strassenbande aufzuleveln, kommt noch in den Genuss weiterer Vorteile.

Apropos Aufleveln: Die Gang-Upgrades sind nicht das einzige Element bei dem Zahlenwerte klettern. Zum einen gibt es da ein Rollenspiel-artiges Erfahrungspunkte-System, dass jedesmal wenn man tausend davon zusammen hat, einen Fähigkeitspunkt springen lässt, mit denen man Jacob und Evie – wie der Name schon andeutet – neue beziehungsweise bessere Fähigkeiten verpassen kann. Nach einer gewissen Anzahl ausgegebener Punkte steigen die beiden dann einen Level auf, was ihnen dann den Einsatz besserer Ausrüstung ermöglicht.

Und davon gibt es auch eine ganze Menge, die man finden, bekommen, herstellen und natürlich auch verbessern kann. Einer der motivierendsten Aspekte an Assassin's Creed Syndicate ist, dass man eigentlich die ganze Zeit über mit Belohnungen oder Aufgaben eingedeckt wird. Ständig gibt es irgendetwas zu erledigen, hinterher bekommt man dann Erfahrungspunkte, Geld, Ausrüstung, oder sonstige Schulterklopfer, und wird direkt darauf sofort wieder mit möglichen Beschäftigungen überhäuft. Da kann sich das berühmte „Njoah komm, eine Mission kann ich ja noch...“ auch gerne mal das eine oder andere Stündchen hinziehen.

Assassin's Creed Syndicate

Zwei letzte kleine Infos, was das Gameplay angeht: Zunächst mal gibt es im Gegensatz zum Vorgänger keinerlei Ko-Op-Funktionen. Auch wenn es zwei Hauptcharaktere gibt, man ist ausschliesslich alleine unterwegs. Und auch wenn es einen Echtgeld-Shop gibt, in dem sich quasi Level-Ups und Spielgeld kaufen lassen, muss man anmerken, dass wir dafür niemals eine Notwendigkeit gesehen hätten, das Spiel ist auch so vom Schwierigkeitsgrad her relativ gut ausbalanciert.

Die Grafik verleitet uns zu einem Gedanken, der vermutlich einzigartig in der Geschichte des Zockens ist: Wir sind nämlich froh, dass Assassin's Creed Syndicate nicht ganz so gut aussieht wie sein direkter Vorgänger Unity. Der hatte zwar leicht bessere Charaktermodelle und vor allem wesentlich grössere Menschenansammlungen, erkauft wurde der ganze Prunk damals allerdings mit Performance-Problem und einem ordentlichen Haufen Glitches. Beides kann man hier zwar ebenfalls finden, aber in wesentlich geringerem Ausmass, das Schlimmste scheint eine ganz bestimmte Zwischensequenz zu sein, in der die Charaktere unsichtbar sind.

Die Framerate verhält sich auch wesentlich humaner, meistens bleibt es bei den angepeilten 30 Bildern pro Sekunde, nur hin und wieder sind es etwas weniger, besonders wenn beim Rumkutschieren mal die Post abgeht. Die Slowdowns liegen zwar im Bereich des Bemerkbaren, aber es ist nicht so schlimm, dass es gravierenden Einfluss auf das Gameplay hätte. Noch eine kleine negative Erwähnung sind die Pop-Ups. Wenn man beispielsweise über eine der Brücken fährt, ploppen die Laternen gerne mal zwanzig Meter vor einem ins Bild

Grosser Pluspunkt ist natürlich die Ausgestaltung des viktorianischen Londons. Das spielbare Areal ist sicherlich nicht das riesigste, das man jemals gesehen hat, bringt aber auf seiner Fläche eine Menge interessante und grösstenteils optisch reizvolle Gegenden unter und bietet obendrein – so wie es sich für die Serie gehört – ein ordentliches Mass an Vertikalität. Zusammen mit den meistens recht überzeugenden NPCs ergibt das dann eine ziemlich gute Atmosphäre.

Das erste, was beim Sound auffällt ist die Sprachausgabe. Nicht unbedingt wegen der durchaus brauchbaren, wenn auch nicht immer überragenden Qualität, sondern weil aus irgendeinem Grund ein beachtlicher Teil der Sprachsamples englisch ist. Das passiert glücklicherweise nur im eigentlichen Gameplay, will heissen die Zwischensequenzen bleiben verschont. Aber trotzdem kann es einen als Spieler schon ein wenig aus der Stimmung reissen, auch wenn dieser Fehler ja irgendwie zum Setting passt.

Ansonsten dringen vor allem die Geräusche der Strasse ans Ohr des Spielers, ab und an einige folkloristische Klänge, und wenn man einen der Aussichtspunkte erklettert, setzen die mittlerweile aus allen möglichen Spielen bekannten, traurigen Violinen ein. Kurzum: Die akustische Untermalung mag nicht der errinerungswürdigste Soundtrack aller Zeiten sein, macht aber einen durchaus passablen Job.

Insgesamt bietet Assassin's Creed Syndicate Open-World-Attentäter-Action auf dem – eigentlich – von Ubisoft gewohnten hohen Niveau. Das technische Drumherum hat wie erwähnt noch leichte Macken, aber im Gegensatz zum Vorjahr ist die Intensität der Problemchen auf ein verschmerzbares Mass zurückgegangen. Revolutionäre Weiterentwicklungen gibt es nicht zu vermelden, aber auch so hat uns der Trip durch London durchaus gefallen.

Insofern werden Leute, die auf einen Gamechanger der Reihe gewartet haben, höchstwahrscheinlich enttäuscht sein. Fans, die sich immer noch für die klassische Assassin's Creed-Formel erwärmen können, dürften jedoch mächtig Spass haben. Ebenso können wir es interessierten Neulingen ans Herz legen, denn die erwähnten 8 Minuten, die in der Gegenwart spielen, können geflissentlich ignoriert werden. Die Abenteuer von Jacob und Evie Frye allein unterhalten glücklicherweise auch ganz vorzüglich.

Wie findest du Assassin's Creed Syndicate und auf welcher Plattform bist du unterwegs? Verrate es uns in den Kommentaren!

21. Nov 2015, 14:16
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Sascha Siska
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