Mass Effect: Andromeda - Review

In Mass Effect: Andromeda suchen wir ein neues Zuhause für die Menschheit, begegnen fremden Völkern und erkunden weit entfernte Planeten. Dabei entdecken wir viel Gutes, jedoch auch die ein oder andere Enttäuschung.

Ja, Mass Effect: Andromeda macht vieles anders als seine Vorgänger-Trilogie (was nicht jedem gefällt). Und ja, die bereits im Vorfeld von vielen Fans kritisierten Charakteranimationen könnten genauso gut vor 5 oder 6 Jahren programmiert worden sein, das mag alles zutreffen. Doch abgesehen von diesen Makeln bietet uns der neueste Ableger des Science Fiction Universums eine breite Palette an Möglichkeiten und wir finden uns in einem wirklich spannenden und guten Spiel wieder.

Alles auf Anfang

Zur Klärung: Du musst das gewaltige Space-Opus mit Commander Shepard in der Hauptrolle nicht zwingend gespielt haben. Es gibt zwar einige Referenzen und Easter-Eggs für Fans der Reihe, doch auch ohne Vorwissen kannst du ME:A in vollen Zügen genießen.

Alles startet mit dem Charaktereditor. Da wir viel Zeit in Gesprächen, Diskussionen und Team-Meetings verbringen ist es ratsam, sich seinen Ryder (so heißt unser Charakter) nach den persönlichen Vorlieben anzupassen. Du kannst aus verschiedenen Optionen wählen und so Geschlecht, Hautfarbe, Kinnbreite, Frisur oder Tattoos nach deinem Geschmack zurechtschustern. Das geht über die Schieberegler recht einfach, doch der erste Wehrmutstropfen des Spiels ist schon hier zu verzeichnen, bevor die Handlung überhaupt angefangen hat. Wer auf einen riesigen Werkzeugkasten mit 1000 Stellschrauben und hunderten Komponenten gehofft hat, wird enttäuscht. Die Anzahl der Möglichkeiten ist überschaubar und man kann nur einen von neun vordefinierten Köpfen anpassen. Hier hatten sich gerade Rollenspiel-Freunde auf eine reichhaltigere Ausbeute gefreut.

Sind wir mit unserem Avatar zufrieden starten wir die Kampagne und erfahren über eine schicke Cutscene, dass die Menschheit zu neuen Ufern aufgebrochen ist. Die Andromeda Initiative hat in einem ehrgeizigen Projekt mehrere Völker zusammen gebracht und vier große Kolonieschiffe mit jeweils 20.000 Seelen an Bord in die 2.5 Millionen Lichtjahre entfernte Andromeda Galaxie geschickt. Langstreckenscans haben dort sieben goldene Welten ausgemacht, die als Paradies für kohlenstoffbasierte Lebensformen gelten. Wir begeben uns also in den Kälteschlaf, lassen die Milchstraße zurück und versuchen in einer fremden Galaxie Fuß zu fassen. Dabei reisen die Menschen, also auch wir, mit der Arche Hyperion, die zusammen mit den anderen Schiffen in der neuen Heimat ankommen soll. Dort wartet bereits die kurz zuvor aufgebrochene Raumstation Nexus, die der Citadel nachempfunden ist und vorrübergehend als Zuhause dienen wird.

Doch natürlich geht alles schief, was schief gehen kann: Von den ursprünglich vier mit Kolonisten besiedelten Archen kommt gerade Mal eine nach der 600 Jahre andauernden Reise im Heleus-Cluster an. Wir sind 14 Monate zu spät dran, die als lebensfreundlich betitelten Planeten sind unbewohnbar, Nahrung und Ressourcen sind knapp, die bereits vor Ort etablierte Nexus funktioniert nur sehr eingeschränkt und die Einheimischen des neuen Systems sind uns nicht gerade wohl gesonnen. Eine Meuterei hat alte Feindschaften wieder entfacht und neue Konflikte in Gang gesetzt. Einige sind von der Nexus geflohen oder wurden rausgeworfen und fristen nun ein Dasein als Verbannte ohne Heimathafen. Wer es sich leisten kann bleibt auf dem Piraten-Felsen Kadara oder muss zusehen, dass er woanders Unterschlupf findet.

Ein Alien kommt selten allein

Tolle Ausgangsvoraussetzungen also für unseren Protagonisten und seine Familie. Ryder reist nämlich nicht allein. Unser Herr Papa ist nämlich ein sogenannter Pathfinder, der den Siedlern auf den unwirtlichen Planeten ein neues Heim zu schaffen versucht. Wir sind seinem Ruf gefolgt und machen uns auch gleich auf den Weg zur Brücke, nachdem wir uns von der Kryostase erholt haben. Dort bekommen wir alle oben genannten Informationen und starten sogleich in die erste Mission, die als Tutorial herhalten muss. Hier lernen wir den Umgang mit unserem Jetpack, werden in Steuerung, den Gebrauch von Waffen und Inventar eingewiesen und treffen sogar auf Aliens - wobei "Alien" hier der falsche Ausdruck ist, schließlich sind wir fremd auf diesen Planeten.

Das bringt BioWare auch sehr gut zur Geltung: Egal wo wir hinkommen, was wir tun oder versuchen, ständig haben wir das Gefühl noch nicht angekommen zu sein. Ein fremdes Wesen in einer bereits Jahrtausende alten Zivilisation. Diesmal sind WIR die Unbekannten. Das seltsame Etwas, welches so schwer einschätzbar ist. Aus vielen Dialogen und Szenen trieft diese Erkenntnis und weckt in uns den Drang mehr über die Kultur, das Verhalten und die Einheimischen an sich zu lernen und zu entdecken. Mehr möchten wir von der Story aber nicht verraten, um Spoiler zu vermeiden. Es sei nur gesagt, dass der Anfang etwas steif und künstlich daherkommt, sich die Story nach einigen Stunden jedoch verdichtet und wir mit etlichen Twists und Turns belohnt werden.

Die Mass Effect Serie ist vor allem für ihre Dialoge und den Austausch zwischen unserem Charakter und den anderen Spezies bekannt. Hier bricht der Entwickler mit einer weiteren Tradition und ersetzt das aus den vorherigen Teilen bekannte Vorbild/Abtrünnig-Model (Paragon/Renegade) durch ein neues Gesprächssystem. Dieser Schritt gewährt uns in vielen Situationen die Möglichkeit, mit etwas mehr Feingefühl an die Sache heran zu gehen und Ryder so antworten zu lassen, wie wir es für richtig halten. Meistens können wir aus den vier Optionen Emotional, Logisch, Zwanglos oder Professionell das heraussuchen, was uns am besten gefällt. Auch Romanzen mit verschiedenen Individuen sind in Mass Effect: Andromeda möglich.

Feuer frei

Sind wir mal nicht am Labern, Debattieren oder Kontern können wir die teils riesigen, offenen Areale frei bereisen. Dort hin bringt uns Pilot Kallo mit der Tempest, unserem eigenen Aufklärungsschiff. Mass Effect: Andromeda ist zwar räumlich begrenzt, doch die massiven Maps vermitteln immer wieder das Gefühl einer Open World. Die Erkundung fremder Planeten zu Fuß oder mit dem Nomad sind die absoluten Highlights des Spiels. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu tun und das in einer grafisch wirklich wunderschönen Umgebung. Ob die eisigen Gletscher von Voeld, die sandigen Hügel von Elaaden, oder Havarl, die Heimatwelt der Angara (einer der zwei neuen Rassen im Spiel) -  Wir haben oft genug nur dagestanden und die Postkarten-Aussicht genossen. Der Nomad, unser 6-fach bereiftes Aufklärungsfahrzeug, macht dabei in jedem Gelände eine gute Figur. Am meisten Spaß hatte ich bei einem wilden Ritt über einen gesprengten Planeten, der nur noch als große Meteoritenansammlung im All umher trieb. Die Schwerkraft hatte sich aus gegebenem Anlass halbiert und ermöglichte so spektakuläre Stunts und weite Sprünge mit unserem Allround-Ungetüm.

Bei diesen Touren treffen wir gezwungenermaßen auf Tiere und andere Bewohner, die uns ans menschliche Leder wollen. Unser Hauptgegner sind die Kett, fiese Schergen die von einem Oberboss namens Archon befehligt werden und einen Großteil der Story ausmachen. Das Kampfsystem hat sich im Vergleich zu den Vorgängern drastisch geändert und spielt sich nun schneller und actionlastiger. Der Jetpack verleiht ungeahnte Mobilität, sowie neue taktische Möglichkeiten. Die Waffen unterteilen sich in die Rubriken Pistolen, Sturmgewehre, Schrotflinten, Präzisionsgewehre und Nahkampf, wobei viele dieser Ballermänner nicht unbedingt das sind, was sie vom Namen her suggerieren. Da wir auf drei Technologie-Bäume zugreifen können (Milchstraße, Kett, und Rel-Tech) ist steht's Abwechslung geboten und manchmal verbirgt sich hinter einem seltsam erscheinenden Plasmagewehr ein Energiestrahlen verschießendes Monstrum. Experimentieren lohnt also.

Probieren geht über Studieren

Wir können über eine Forschungsstation Punkte in die jeweiligen Bereiche investieren und so neue Bleispritzen, Rüstungen der fremden Völker und Verbesserungen freischalten. Im Craftingmenü dürfen wir diese dann entwickeln, sofern wir genügend Rohstoffe auf unseren Einsätzen gesammelt haben. Ressourcen bekommen wir zwar auch über das serientypische Scannen von Planeten, doch diese Arbeit ist aufgrund von zu langen Cutscenes schwerfällig und bringt in den meisten Fällen weniger, als sich einen Level genauer anzuschauen und Silicium, Uran, oder Kadmium von Hand aufzuklauben.

Doch nicht nur Waffen und Rüstungen können angepasst werden, nein. Mass: Effect Andromeda ist ein Action-RPG! Also dürfen wir auch unseren Ryder nach Belieben skillen. Zur Auswahl stehen die 3 großen Oberpunkte Tech, Biotik und Kampf die ihrerseits viele verschiedene Kräfte und andere Features beinhalten. Wer sich auf eine Sache spezialisieren möchte kann das gerne tun. Doch auch die unterschiedlichen Kombinationen der einzelnen Fähigkeiten können im Kampf den Vorteil ausmachen. Zum Beispiel holen wir uns weit entfernt stehende Gegner mit der biotischen Kraft "Ziehen" an die Brust, nur um sie mit erhöhter Stärke im Nahkampf zu beharken. Oder wir stellen mit unserem Techniker einen Geschützturm auf und werfen zusätzlich eine Granate in die feindlichen Reihen. Probieren geht über Studieren, du kannst einmal gesetzte Punkte nämlich für einen kleinen Aufpreis auch wieder umskillen. Happy Testing!

Auch unsere Gefährten, von denen wir immer zwei auf die Außeneinsätze mitnehmen, haben so ihre Stärken und Schwächen. Vor allem solltest du mit ihren Fähigkeiten deine Skills ergänzen, um so im Kampf mehr Möglichkeiten zu haben. Die Teammitglieder sind Menschen, Kroganer, Asari, Turianer und Angaraner, jeder mit seiner eigenen Background-Story und Vorlieben. Wenn du sogenannte Loyalitäts-Missionen abschließt, also speziellen Charakteren aus deinem Trupp einen Gefallen tust, kannst du ihre persönlichen Skills sogar noch weiter pimpen. Diese Aufgaben stechen aus der breiten Masse heraus und bringen Würze in die Questsuppe. Über einen mangelnden Auftragsbestand kann auf der Tempest beim besten Willen keiner klagen.

Vielfalt müssen wir allerdings sowohl bei den Gegnertypen als auch bei den Spezies ankreiden. Die aus der Milchstraße bekannten Völker Drell, Hanar, Quarianer, Elcor und Volus sind in Andromeda überhaupt nicht zugegen. Ihre fehlende Arche wird lediglich in einem Gespräch kurz angeschnitten und bleibt mysteriöser Weise verschwunden - Sehr schade!

Multiplayer

Wer auf die Kampagne keine Lust mehr hat, darf sich auch mit bis zu drei Freunden in die spaßigen Multiplayerschlachten stürzen. Zu viert müsst ihr auf einer kleinen Karte verschiedene Aufgaben erledigen und zusammenarbeiten. Eure Skills sollten breit gefächert sein, denn schon der leichteste Schwierigkeitsgrad (Bronze) hat seine Tücken. Auf Silber ist draufhalten ohne Absprache fast schon zum Scheitern verurteilt.

Gemeinsam kämpft ihr euch durch sieben Feindeswellen, hackt Computer oder zerstört gegnerische Geräte, während eure Widersacher immer stärker und widerstandsfähiger werden. Wer zum Schluss noch die Exfiltration überlebt erhält Credits, mit denen er im Store Nachschubkisten kaufen kann. In diesen Loot-Boxen befinden sich neue Waffen, Charaktere oder sonstige Boni. So entwickelst du dich ständig weiter und baust dir deinen perfekten Mehrspielercharakter zusammen.

Die Technik... und ihre Probleme

Grafisch ist ME:A wie gesagt sehr schön anzusehen, doch wie schaut der Rest der Technik aus? Unterm Strich - Ebenfalls gut. Die Tastaturbelegung ist frei wählbar, die Steuerung geht auch mit dem Gamepad gut von der Hand, das Menü lässt einige Anpassungen zu und auch Soundeffekte, Geräusche und Musik sind passend platziert. Wer dem Englischen mächtig ist sollte dies auch einsetzten. Die deutsche Vertonung ist zwar ganz okay, doch in der Originalsprache kommen viele Witze und Feinheiten einfach besser zur Geltung. Parallel können aber auch deutsche Untertitel angezeigt werden. Abzüge in der B-Note gibt's allerdings im Design der vielen Inventare, Ordner und Auswahlbildschirme. Übersichtlichkeit ist ein Manko und führt öfter mal zu wildem hin und her Geklicke. Hier könnte man dem Spiel tatsächlich eine miese Konsolenportierung vorwerfen, denn die Struktur ist nicht unbedingt günstig.

Auf Bugs und Clipping-Fehler trafen wir leider ebenfalls: Die Reifen des Nomad zum Beispiel durchdringen permanent das Chassis, Waffen sind teils durch Deckungen sichtbar und Charaktere ploppen in Videos und Zwischensequenzen auf, oder verschwinden. Zweimal hatten wir den Fall, dass das Spiel unseren Bildschirmtod scheinbar nicht mitbekommen hat und wir in einem Black Screen festhingen. Ein Öffnen des Menüs war nicht möglich und wir mussten den Prozess über die Konsole beenden. Defekte Questtrigger oder fehlerhafte Missionen blieben uns jedoch glücklicherweise erspart. Die schon zu Beginn angesprochenen Charakteranimationen wirken veraltet und lassen uns teilweise in schallendes Gelächter verfallen, weil sie so unfreiwillig komisch sind. Eine Reaktion auf extremen psychischen oder physischen Stress sollte uns nicht zwangsläufig zum Lachen bringen.

Fazit:

Auch wenn Mass Effect: Andromeda von einigen Problemen geplagt wird, fühlen wir uns innerhalb kürzester Zeit auf der Tempest wie Zuhause. Fast so, wie damals auf der Normandy - und die hatte drei Spiele Zeit sich zu beweisen. Die Story nimmt nach dem für BioWare typischen holprigen Anfang schnell Fahrt auf und verdichtet sich. Nebenquests am laufenden Band und viel Freiraum runden das Erlebnis ab. Ich hatte sehr viel Spaß in Andromeda und werde auch weiterhin Planeten erforschen und mein Team ausbilden.

Wir vergeben 8,5 von 10 Sternen

Stern_Rating

PC Anforderungen

Minimale Systemanforderungen:
  • CPU: Intel Core i5 3570 / AMD FX-6350
  • RAM: 8GB
  • GPU: NVIDIA GTX 660 2GB / AMD Radeon 7850 2GB
  • HDD: 55GB freier Speicherplatz
  • DirectX 11
Empfohlene Systemanforderungen:
  • CPU: Intel Core i7-4790 / AMD FX-8350
  • RAM: 16GB
  • GPU: NVIDIA GTX 1060 3GB / AMD RX 480 4GB
  • HDD: 55GB freier Speicherplatz
  • DirectX 11

Unser System (ME:A lief bei uns auf hohen Einstellungen zwischen 30 und 60 FPS):

Betriebssystem: Windows 10 (64bit)
Prozessor: Intel Core i5-3570 mit 3,40GHz
RAM: 16GB
GrafikkarteAMD Radeon R9 200

4. Apr 2017, 11:10
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Tobias Heinen
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